Vietnam, knapp der lebenslangen Haft entgangen
Auftrag von einem deutschen Maschinenhersteller, eine neue Materialumschlagmaschine nach Vietnam zu importieren, dort vorzuführen und inklusive Training für Operator und Service zu übergeben. Die erste Maschine war der Prototyp für das asiatische Unternehmen und bei guter Effizienz und entsprechender Leistung sowie Wartungsfreundlichkeit würden weitere Maschinen in Bestellung gehen.
Die Anreise in ein für einen Europäer doch recht fremdartig anmutendes Land war nicht ungewöhnlich, die Unterbringung in einem eher desolaten Hotel mit Kakerlaken in der nur über den Herbergsflur zugänglichen Gemeinschaftsdusche schon eher. Aber andere Länder, andere Sitten und wohl auch anderer Status, sagte ich mir und kümmerte mich, wofür ich gekommen war.
Mangelnde Kommunikation
Auch die Kommunikation war ausnahmslos kompliziert, da nur ein Mitarbeiter gebrochenes Englisch sprach. Die Maschine wurde im Hafen von Hanoi entgegengenommen und auf sechs LKW zur Plant verbracht, wo sie von den Mitarbeitern unter meiner Anleitung entladen und montiert wurde. Bis dahin verlief alles reibungslos. Als dann eine elfköpfige Delegation des Unternehmens eintraf, um die Maschine auf Herz und Niere zu testen, erwartete man von mir die Steuerung eben dieser.
Ich bediente also die Maschine, wobei man mir in gestückeltem Englisch und per Handzeichen vermittelte, eine ca. 15cm dicke Betonplatte in den Maßen 6 x 3 Meter anzuheben und senkrecht zu halten. Selbstverständlich tat ich dieses ohne nachzufragen, denn zum Einen befanden sich alle beteiligten Personen im sicheren Abstand von zehn Metern, und von gesundem Menschenverstand ausgehend, erwartete ich auch keinerlei Dummheiten.
Doch wer konnte schon ahnen, was die Ingenieure noch so planten. Zuerst stand der Betonkoloss also aufrecht, dann aber bedeutete man mir, der ich in der Kabine sitzend um Vernunft dieser Männer betete, ich solle die Betonplatte schwebend hochhalten. Ich tat wie mir geheißen, nahm an, man wolle wohl sicheren Abstandes die Hubkraft prüfen. Etwas, das mir bis heute nicht einleuchtet, denn Heben ist Heben, und gehoben hat die Maschine anstandslos. Allerdings begannen die Herren dann, unmittelbar unter dem angehobenen und schwebenden Betonklotz herum zu hantieren, Maß zu nehmen und lautstark zu diskutieren, ohne im Geringsten auf die tonnenschwere Last über ihnen zu achten.
Ich getraute mich schon allein aus der Not der Verständigung heraus nicht, die Last einfach wieder abzulegen, da man auf mein aufgebrachtes Zurufen, doch nicht unter die lebensgefährliche schwebende Last zu treten, schlichtweg nicht reagierte. Hätte ich aber einfach die Last herabgelassen und auf dem Boden abgestellt, wäre die Platte womöglich aus dem Mittel geraten, und umgekippt. Zudem hing von diesem Moment ja auch die Order weiterer Maschinen ab. Also hielt ich die Steuerung fest im Griff, um entsprechend Druck auf den Greifer auszuüben, damit die Betonplatte nicht abrutschen konnte. Ich vertraute also auf Maschinenkraft und Mannesvernunft, wurde indes aber bitter enttäuscht, als einer der Manager in Krawatte und Anzug mir anzeigte, ich solle jetzt beide Hände von den Steuerknüppeln nehmen, wohl damit ich nicht weiterhin heimlich an den Steuerelementen zöge, um die Hubkraft der Maschine zu verstärken. Was für ein Fuchs.
Ergo nahm ich widerwillig die Hände von den Joysticks und legte beide Hände demonstrativ hinter meinen Kopf. Das sah und vernahm man kopfnickend, doch zu meiner Unbill begaben sich erneut vier Personen unmittelbar unter die schwebende Last, um den Abstand von Unterkante zu Boden zu vermessen. Dies taten sie wiederholt alle sechzig Sekunden.
Der Schockmoment.
Mir brach der Schweiß aus. Bis zu dem erwarteten Augenblick, als die Hydraulik im Druck auch nur um ein Bruchstück absackte, dauerte es vielleicht sechs Minuten, ergo sechsmaliges unter die Last gehen der vier besagten Mitarbeiter.
Das Absacken bedeutete, dass der Greifer die Betonplatte nicht mehr ausreichend zu halten vermochte, die Platte krachte senkrecht neben einer der Personen mit dumpfem Knall auf den Boden und kippte dann langsam aber unaufhaltsam um. Die Obermaschine der Kettenlaufwerk bestückten Maschine drehte sich auf dem Drehkranz mit, da man mir zuvor zudem aufgetragen hatte, keine Haltebremse in Arretierung zu bringen. Somit konnte die Betonplatte in weniger als zehn Sekunden vollends kippen um mit einem dumpfen Schlag flach zu Boden zu stürzen.
Als Atheist „Gott sei Dank“ zu rufen, vermag mein Entsetzen zu untermalen. Sie kippte nämlich in die entgegengesetzte Richtung der Diskutierenden Vietnamesen, also dorthin, wo sich keine der Personen im Augenblick des Fallens aufhielt. Die aufgerissenen Augen der mich dann jedoch fassungslos anstarrenden Männer besagten vieles, doch meine Hände befanden sich nicht an den Steuerknüppeln, sondern weiterhin hinter meinem Kopf. Der Schock bei jedem der Elf Superhelden stand auch Stunden später noch tief in deren Gesichter geschrieben.
Fazit.
Dass ich aufgefordert worden war, die Hände von den Steuerelementen zu nehmen und hinter dem Kopf zu verschränken, bewahrte mir wohl meine Freiheit. Denn wäre die Platte auf einen oder mehrere der Kollegen getroffen, würde ich mich wohl auch heute noch, und vielleicht für den Rest meines Lebens, hinter vietnamesischen Gitterstäben befinden.
Geschehen in Vietnam, Region Hanoi, Holzumschlag „Schwarzer Fluss“.